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Merlin

Grob gerechnet sind es jeden Monat so zwischen 150 und 300 Telefonanrufe, die uns in der Guntersdorfer Idylle erreichen. Und eigentlich weiß man ja nie, was einen erwartet, wenn es klingelt: Die Nachricht kann wichtig sein oder banal, erfreulich, traurig oder ärgerlich. Es gibt Telefonate, die Freude und Glück bedeuten, aber auch solche, die Schmerz und Kummer ins Haus bringen. Und ganz selten - dem Himmel sei Dank - erreichen uns Anrufe wie jener, als wir hören mußten, daß Merlin tot ist. Nicht durch Krankheit oder Unfall, sondern durch den hinterhältigen Anschlag eines miesen Giftmischers wurde dieses freundlich-warme Licht eines Hundelebens ausgelöscht. Und die Welt war wieder mal ein bißchen dunkler und kälter geworden. Hier ist Merlins Geschichte:

Als er zu uns kam, hieß er noch nicht Merlin, da waren er und sein Bruder die namenlosen Babies einer ziemlich ausgemergelten Doggen-Mama. Hübsche kleine Knöpfe waren die beiden, die sich prächtig entwickelten und bald auf unserem Hof ihr Unwesen trieben.
Obwohl niemand wußte, was aus den Jungs später mal für Hunde werden sollten - der Vater war unbekannt, aber wohl eine Nummer kleiner als Dogge gewesen -, fanden sich für sie zwei junge Familien mit Hundeerfahrung. Die zwei Hundekinder - Merlin und Negro sollten sie später heißen - zogen also in die Welt hinaus. Wir konnten damals nicht ahnen, daß wir bei der einen Familie eine gute, bei der anderen aber eine schlechte Wahl getroffen hatten. Der Merlin war’s, der von den zweien die schlechtere Karte gezogen hatte.

Anfangs war ja noch alles eitel Freude. Merlin wuchs heran, war gut zu den Kindern, verstand sich prima mit der Hündin der Familie, ein rechter Wonneproppen. Nach gut einem Jahr aber kippte es: Aus dem Wonneproppen sei ein Raufbold und Flegel geworden, klagte man. Da sahen wir nur zwei Möglichkeiten: Entweder sollten sie uns den Bengel zurückbringen oder sich intensiver mit seiner Erziehung befassen. Nein, zurückgeben würden sie ihn nicht, man wolle es nochmal versuchen. Monatelang ging’s dann wieder gut, bis es endgültig hieß: Der Merlin muß weg, und zwar sofort. Er sei stänkerisch und aggressiv mit anderen Rüden - einfach nicht mehr auszuhalten. Man drohte sogar, ihn ins nächstgelegene Tierheim zu bringen, wenn er nicht umgehend abgeholt würde. Wir machten uns auf das Schlimmste gefaßt: Ein 40-Kilo-Rüde mit zweieinhalb Jahren und absolut unregierbar; wir legten schon mal einen Maulkorb zurecht, für alle Fälle.

Nicht schlecht staunten wir aber, als Lisa mit ihm bei uns ankam: Hereinspaziert kam ein Sunnyboy der allercharmantesten Sorte; ein freundlicher Bursche mit offenem Blick, aufmerksam und herzlich im Umgang mit Menschen, fair und korrekt mit Artgenossen.

Lisa berichtete, daß sie bei Merlins - ehemaliger - Familie mehrere Doggen, darunter mindestens zwei Rüden gesehen hatte; es gab klare Hinweise, daß diese Leute zwischenzeitlich - vom Paulus zum Saulus - angefangen hatten, Rassehunde zu züchten. Das erhellte die Situation natürlich: Verliebte Jungs! Die Bereitschaft der Rüden, sich gegenseitig eins auf die Mütze zu geben, steigt natürlich proportional zur Anzahl der Damen, die übers Jahr immer wieder mal auf Brautschau sind. Und wie sollte Merlin wissen, daß er in den Augen seiner Besitzer nicht zum Kindsvater taugte, weil er halt bloß ein Mischling war. Da konnte er sich prügeln, soviel er wollte. Wahrscheinlich war er ihnen einfach auch zum unnützen Esser geworden, Hundezucht muß schließlich was abwerfen.

Die Show, die diese Leute abgezogen hatten, als Lisa ihn holte - es falle ihnen trotz allem schrecklich schwer, den Hund wegzugeben, man würde bald mal anrufen, um zu hören, wie er es denn verkraftet hätte -, war nur leeres Geplapper. Sie haben nie angerufen, sich nach ihm zu erkundigen.
Wir jedoch waren dankbar für die zweite Chance, dem Merlin ein gutes Zuhause suchen zu können.

Nun kommt der schwierigste Teil dieser Geschichte, denn was sind schon Worte, das Wesen eines Hundes einzufangen, dessen Name nicht treffender hätte sein können: Merlin, der Zauberer.

Allein seine Art, sich zu bewegen, war Poesie. Dieser Mischling mit einem kräftigen Schuß Dogge, schlaksig und langbeinig, aber nicht zu groß, schwarz mit weißen Socken, von perfekter Statur, hatte einen ganz besonderen Schwung an sich. Wenn er lief, dann lief er nicht einfach; er trabte wie ein Zirkuspferd, kokett die Pfoten hochziehend, stolz und ein klein wenig extravagant.

Geerbt von seiner Mutter Mona hatte Merlin den Augenaufschlag: den Kopf ein wenig gesenkt und leicht zur Seite geneigt, warf er einem Blicke zu, mit denen er jede Hollywood-Diva in die Ecke stellen konnte.

Was Merlin tat, tat er stets mit Bedacht: niemals schlang er sein Essen hinunter, sondern nahm Häppchen für Häppchen und kaute es gründlich. Auch Nachspeise (gebratener Hühnerkragen) oder Betthupferl (getrockneter Pansen): sorgfältig kauen - Augenaufschlag - nochmal kauen - schlucken - Augenaufschlag.

Merlin war uns auch auf dem Hof von unschätzbarer Hilfe. Aufmerksam beobachtete er zuerst, was man tat, und packte dann entschlossen mit an. Er trug Äste, wenn wir Baumschnitt abtransportierten, Spielzeug, wenn wir es einsammelten, und er legte das Zeug auch genau da ab, wo es hin sollte. Am liebsten aber arbeitete er mit der Schubkarre. Wenn wir Heu wegfuhren, quer über den Hof und runter bis ans Ende des Grundstücks, ging er neben einem her, gemessenen Schritts, sein Kopf exakt auf Höhe der Schubkarrengriffe. Er schaute immer wieder hoch - Augenaufschlag -, um zu fragen: „Ist es so richtig? Oder soll ich besser auf der anderen Seite gehen?“ Auch wenn die Schubkarre dreißig mal hin- und hergeschoben wurde, es wurde ihm nie zu blöd, er hielt durch, bis alle Arbeit getan war.

Merlin und unser Doggenrüde Coba waren einigermaßen gute Kumpels; sie sahen sich recht ähnlich, bei Coba war nur alles ein bißchen größer - und langsamer. Die beiden zogen oft los - wie Pat und Patachon - Schulter an Schulter, um irgendwo auf dem Hof nach dem Rechten zu sehen. Es dauerte meist einige Zeit, bis Coba es merkte, wenn Merlin ihm ab und an eine Nase drehte: Merlin schnitt ihm - fröhlich pfeifend - den Weg ab, rempelte ihn in vollem Lauf oder drängelte sich an der Tür vor - alles Dinge, die sich nur der Boß erlauben darf, nicht aber seine verkleinerte Kopie. Und wenn in Coba dann langsam Zorn aufkeimte, hatte Merlin so seine Art zu sagen: „Okay - okay, war nicht so gemeint. Natürlich bist du der Big Boß. Kann ich sonst noch irgendwas für dich tun?“ Und sofort war alles wieder im grünen Bereich.
Nur ein einziges Mal haben die beiden gerauft; da hatte die Biene den beiden schöne Augen gemacht und ihnen total die Köpfe verwirrt.

Merlins allergrößte Leidenschaft aber war das Spiel. Wenn er meinte, die Sterne stünden gut, besorgte er rasch irgendeinen Gegenstand, den eine Menschenhand werfen konnte, legte ihn seiner auserwählten Person vor die Füße - Augenaufschlag: „Ich will ja nicht aufdringlich sein, aber... könntest du vielleicht... ich meine, würde es dir große Umstände machen, dieses Ding für mich zu werfen, wenigstens einmal...?“


Merlin, der Zauberer, liebte das Spiel

Wenn sich mal jemand Zeit für sein Spiel nahm, war er der glücklichste, aufmerksamste, freundlichste und charmanteste Hund dieser Welt. Nur leider allzu oft glaubten wir, unaufschiebbare und wichtigere Dinge um die Ohren zu haben, als mit Merlin zu spielen. Wir hatten selten Zeit. Schon allein deshalb war klar, daß Merlin nicht bei uns bleiben konnte, sondern für ihn diesmal eine wirklich passende Familie gefunden werden mußte, so gerne jede von uns ihn auch hier behalten hätte.

Es dauerte über ein Vierteljahr, bis endlich die Richtigen kamen. Familie M. schien wie für Merlin gemacht, unternehmungslustig, spielfreudig, mit einem achtjährigen Sohn, dem Merlin gleich beim ersten Besuch den Ball brachte; ohne noch weiter Zeit zu verschwenden, legten die beiden dann auch sofort los. Alles paßte bis aufs i-Tüpfelchen, das Warten hatte sich gelohnt.
Glücklich packten sie ihn ins Auto, wohl wissend, daß sie einen ganz besonderen Hund gefunden hatten. Wir verabschiedeten uns von unserem „Merli-Bärli“ - ein bißchen wehmütig, ihn gehen lassen zu müssen -, versprachen aber, ihn bald mal zu besuchen.

Wie sollten wir ahnen, daß wir ihn nie wieder sehen würden. Nach nur vier Monaten wurde von elenden Tierhassern dieses Glück beendet, auf das Merlin so lange hatte warten müssen.

Wir teilen den Schmerz und die Tränen dieser Familie, weil wir ermessen können, was für eine Lücke der Tod dieses liebenswerten Burschen hinterlassen haben muß.

Wir reden oft von Merlin. Und wir bedauern all die Spiele, die zu spielen wir uns nicht die Zeit genommen haben. (gh)

 

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